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Das Zusammenspiel von „klassischer“ und digitaler Medizin

Ein Interview mit Dr. med. Jörg Sandmann

Das Zusammenspiel von „klassischer“ und digitaler Medizin |  Ein Interview mit Dr. med. Jörg Sandmann

Johanna Vogel  05.05.2022

Die Digitalisierung ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Gerade in der Medizin birgt sie viel Potenzial. So kann sie dafür sorgen, dass immobile oder in strukturschwachen Gegenden wohnenden Menschen einen besseren Zugang zu guter fachärztlicher Versorgung haben. Auf lange Sicht könnte sie eine enorme Erleichterung des Alltags sein – sowohl für Ärzte als auch für Patient*innen. Mit dem PDSG (Patientendatenschutzgesetz) hat die Bundesregierung den Grundstein für den Ausbau der Digitalisierung im Gesundheitswesen gelegt. Darin werden Daten festgesetzt, zu denen digitale Änderungen eingeführt werden sollen. So haben Patient*innen z.B. seit 2021 den Anspruch auf eine ePA (elektronische Patientenakte). Um zu erfahren, wie die Digitalisierung aus ärztlicher Sicht funktioniert, haben wir mit dem Allgemeinmediziner Dr. Jörg Sandmann gesprochen. Von ihm erfahren wir seine Sicht auf die Digitalisierung und was vielleicht noch verbessert werden kann.

Herr Sandmann, Sie sind Allgemeinmediziner, Urologe und Androloge. Wann kommen Sie als „klassischer“ Arzt mit Digitalisierung in Berührung?

Durch die Nutzung des Arztinformationssystems, das in der Arztpraxis ja vorgeschrieben ist, kommt jeder Niedergelassene mit Digitalisierung in Kontakt. Dabei ist die Spanne aber groß und reicht von Diagnose und Abrechnungsziffer bis zu dem Versuch alle Möglichkeiten auch auszunutzen, um wie versprochen Zeit zu sparen. Durch unsere zwei Standorte und einer Terminal-Server-Lösung (Zentralrechner, der mit weiteren Computern kommuniziert, Anm. d. Red.), dem einbinden aller Geräte in das System und die Installation der e-Lösungen wie eAU (elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, Anm. d. Red.) und eRezept in der Testphase, vorher der Installation der Telematik durften wir Theorie und Praxis live erleben und sind es als Testpraxis auch gewohnt, dass es nicht sofort läuft wie gedacht.

Sie setzen sich in den sozialen Medien und bei Vorträgen für die Digitalisierung im Gesundheitswesen ein. Warum?

Bei den Befürwortern der Digitalisierung gibt es eine Gruppe von fortschrittlichen, jungen Ärzten und Entwicklern, die gern der Gruppe der alten, technikfeindlichen Ärzte gegenübergestellt wird, die sich dem Fortschritt verweigern und nur leider in der Mehrheit sind. Das ist aber so nicht korrekt. Man kann immer schön fordern und sich Ideen ausdenken, wenn es einen nicht selbst betrifft oder man die Hintergründe nicht kennt. Als Hausarzt trage ich die Verantwortung dafür, dass die Praxis gute Medizin macht und so läuft, dass die Mitarbeiter einen sicheren Arbeitsplatz haben. Ich hafte für meine Fehlentscheidungen. Das sieht als Nicht-Facharzt und in der Klinik etwas anders aus. Und es ist auch schön Wartezeiten optimieren zu wollen, wenn man mit dem Schnupfen für seine AU im Wartezimmer sitzt und nicht versteht, dass sich die Ankündigung „Unwohlsein“ gerade in „akuter Herzinfarkt“ verändert, was ungeplante Diagnostik und Therapie erfordert. Oder dass das kurze Gespräch sich nicht auf nächste Woche mit viel eingeplanter Zeit verschieben lässt nach „der Radiologe meinte, sie erklären mir, was er gesehen hat, viele Rundherde oder so“. Wenn wir, die wir mit den Systemen arbeiten und sie auch bezahlen müssen, uns aber nicht zu Wort melden, dann machen Andere die Lösungen, die wir vorgesetzt bekommen. Ich bin ein großer Freund von praktischer Digitalisierung, die Anwender-orientiert ist, aber dafür müssen wir leider kämpfen.

Wie kann die Digitalisierung in den Praxisalltag integriert werden?

Wir alle haben ja schon eine Basis, mit der wir arbeiten müssen. Und viele Ideen sind ja auch super, aber dann wird es ja schnell sehr dünn. Da denken sich Leute einen bundeseinheitlichen Medikamentenplan aus und dann bietet der nicht einen Vorteil, außer Einheitlichkeit, zwingt noch zu Falscheingaben und ist in unserem Fall sogar schlechter als das, was wir hatten und dann wundert man sich über das Echo. Ein Notfalldatensatz ist eine tolle Idee, aber doch nicht, wenn man € 2000,- investieren muss, das Aufspielen der Daten aber so aufwendig ist, dass es niemand macht, der Zweitbearbeiter € 1,- erhält, nachdem der Orthopäde vorher LWS-Syndrom (Lendenwirbelsäulensyndrom, Anm. d. Red.) kodiert hatte. Keines unserer Geräte namhafter Hersteller ließ sich ohne große Probleme oder vollständig integrieren, dass nicht einzelne Daten fehlen, weil Schnittstellen nicht freigegeben sind. Wir bemühen uns, alles, was digital geht, auch digital zu machen, aber es muss schneller und besser sein. Da gäbe es viele Möglichkeiten, wir scheitern aber seit Jahren an der Umsetzung. Und deshalb kommen wir auch nicht in den Genuss von mehr Patientensicherheit.

Gibt es auch Schwächen der Digitalisierung? Wenn ja welche und wie muss man mit diesen umgehen?

Es gibt zentrale Schwächen, die die schlechten Ergebnisse erzeugen. Wenn die meisten Ärzte ein Smartphone haben, die Bahnapp und die Kontoapp nutzen, aber in der Praxis wenig Digitalisierung umsetzen, dann muss es Gründe geben, denen sich die Entwickler und offiziellen Fürsprecher nur leider verweigern. Oder nehmen wir dermanostic. Warum bin ich ein Fan dieser App? Weil sie mir Arbeit abnimmt, dem Patienten Wege und ich in kurzer Zeit Lösungen habe. Andere Dinge, die wir kaufen müssen, brauchen auf Anwenderfreundlichkeit aber nicht einzugehen, weil sie sich trotzdem gut verkaufen lassen. Es wird immer auf die Kritiker eingeprügelt, anstatt zu versuchen die Mängel zu beheben. Digitalisierung ist mittlerweile unser größter Zeitfresser, fragen Sie mal eine MFA (Medizinische Fachangestellte, Anm. d. Red.), da stimmt doch etwas nicht. Und ein System für eine gut planbare Orthopädie oder Dermatologie lässt sich eben nicht auf die Hausarztpraxis übertragen. Dafür brauchen wir andere Dinge, die uns helfen würden. Nun haben wir ja leider in den beteiligten Gremien auch Ärzte am Start, deren praktischer Bezug entweder gering oder schon etwas her ist, das macht es auch nicht einfacher.

Stellen Sie sich vor, einer Ihrer Kollegen ist sich unsicher, ob Digitalisierung wirklich „die“ Lösung für unser Gesundheitssystem ist. Was sagen Sie ihm?

Digitalisierung wird kommen, dagegen können wir uns gar nicht wehren und das ist ja auch gut so. Aber diesen Weg, der immer noch mehr Zeit kostet, der einen Informations-Overkill erzeugt, wo in der Klinik durch Copy&Paste-Briefe seitenlange nichtssagende Blätter produziert werden, die draußen wieder jemand entwirren muss, ist auch nicht zielführend. In fünfzehn Jahren wird ein Großteil der heutigen Ärzte ausgeschieden sein und eine Generation mit anderen Grundeinstellungen soll diese Lücken füllen, ist aber auch noch zahlenmäßig schwächer. Da wird unsere junge technikaffine Assistenzärztin entweder ihre Work-Life-Balance deutlich verschlechtern oder Kompromisse auf Kosten der Patienten eingehen müssen. Solange Ärzte die Briefe umsetzen sollen, solange Ärzte Medikamente dosieren, Diagnostik und Therapie planen sollen, müssen diese auch in den Mittelpunkt der Ökonomisierung gerückt werden. Auch wenn „der Patient steht bei uns im Mittelpunkt“ schön werbewirksam ist, man streut den Menschen doch Sand in die Augen. Wer soll das Medikament denn unterschreiben, wer haftet dafür, wenn das Absetzen verschlafen wird, wenn doppelt Medikamente verordnet werden, weil es so im Arztbrief steht? Man muss dafür sorgen, dass der behandelnde Arzt darüber nicht stolpern muss, weil es sein AiS (Arztinformationssystem, Anm. d. Red.) tut, dass in Briefen nur das steht, was wichtig ist, der Wissbegierige sich gern alle Befunde herunterladen und sie auswendig lernen kann, aber der Bypass von vor zehn Jahren darf doch nicht einen höheren Wert haben als die neue Raumforderung, die man auf Seite 4/12 heraussuchen muss. Und wenn wir diesen Weg des Kritiker-Bashing out of the bubble weitermachen, dann wird das nicht dazu führen, dass es besser wird, sondern dass die Kollegen die Zeit absitzen. Ein schönes Beispiel ist doch das Fax. Seit Jahren soll es ersetzt werden durch die verschiedensten Lösungen, mit denen man weniger Leute erreicht, die länger dauern und uneffektiver sind, wo zuletzt meine Frage war „der eArztbrief verläßt doch so nicht unsere Praxis oder? Das sieht ja aus wie ein Telex.“ „Doch, das geht nicht anders, Sie können aber ein pdf anhängen.“ Solche Lösungen kann man nur in der Wirtschaft jedenfalls nicht loswerden. Es mangelt an der Qualität und Anwenderzentrierung. Und das ist meine Motivation, mich so häufig und auch so klar zu positionieren.

Was wünschen Sie sich für das Gesundheitssystem in den nächsten 10 Jahren?

Ich wünschen mir, dass die ganzen tollen Ideen mit ihren Musterlösungen mal etwas zurücktreten und dass wir mal die Probleme lösen, die uns Behandlern helfen, die effektiv mit kleinen Schritten viel Wirkung erzeugen und Zeit sparen. Ich wünsche mir, dass die einbezogen werden, die es umsetzen sollen, woanders nennt man das Truppenversuch. Ich wünsche mir, dass ein Ko-Kriterium für neuen Lösungen der Mehraufwand an Zeit wird. Ich wünsche mir, dass mehr Konkurrenz ermöglicht wird, Schnittstellen geöffnet werden müssen und der Kunde auswählen kann. Ich wünsche mir, dass die Entwickler so gute Produkte erzeugen, dass der Anwender sie kaufen möchte, nicht dass er Schritt kaufen muss.

Porträt von Dr. Jörg Sandmann, Allgemeinmediziner und Urologe

Dr. med. Jörg Sandmann

Dr. med. Jörg Sandmann ist Facharzt für Allgemeinmedizin und Urologie. Sein Medizinstudium hat er 1993 an der Universität Hamburg abgeschlossen, hat dann den Facharzt für Urologie am UKSH Lübeck gemacht und ist 2004 in eine allgemeinmedizinische Gemeinschaftspraxis als Facharzt für Allgemeinmedizin eingestiegen. Neben seiner ärztlichen Tätigkeit in den allgemeinmedizinischen Praxen am Dreilingsberg und auf dem Priwall, ist er ehrenamtlich als Seenotarzt und Kompaniechef im Kommando Schnelle Einsatzkräfte Sanitätsdienst. Er ist Mitherausgeber des „Klinikleitfaden Urologie“ und hat mehrere Auszeichnungen (z.B. den Praxispreis 2017) gewonnen. Neben seinem Interesse für Digitalisierung engagiert er sich für zivil-militärische Zusammenarbeit und maritime Medizin, zuletzt leitete er dazu eine mehrtägige Fortbildung: „Medizin in besonderen Lagen und Mee(h)r 2022“.

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Verfasst von Johanna Vogel

Johanna Vogel studiert im Master Kommunikationswissenschaft und Germanistik an der Universität Duisburg-Essen. Bei dermanostic arbeitet sie in den Bereichen Presse und Kommunikation. Sie beschäftigt sich vor allem mit den Themen Digitalisierung, eHealth und asynchroner Kommunikation und deren Bedeutung für Arzt und Patienten.