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Digital health

Herausforderungen und Chancen: Ethische Gestaltung einer digitalen Zukunft

Herausforderungen und Chancen: Ethische Gestaltung einer digitalen Zukunft

Laura Siebertz  05.01.2022

Die Digitalisierung verändert das Gesundheitssystem von Grund auf. Doch die Arbeit mit besonders schützenswerten Daten und die Anwendung von Künstlicher Intelligenz benötigt bestimmte Rahmenbedingungen und Kompetenzen. Warum digitale Ethik so wichtig ist und wie sich die Digitalisierung im Gesundheitswesen auf unser wertorientiertes Verständnis von Medizin auswirkt, erklärt Prof. Dr. Stefan Heinemann, Professor für Wirtschaftsethik im Interview.

Herr Prof. Heinemann, Sie beschäftigen sich als studierter Philosoph und Theologe mit der Ethik im Bereich Digitaler Gesundheit, wie definieren Sie diese?

Ethik ist die Theorie der Moral, die Reflexion auf die Differenz von Sein und Sollen, von Fakten und wünschenswerten Zuständen. Ethik fragt danach, wie die Welt sein soll und was wir tun sollen. Und sucht und findet Argumente für die eine oder andere Einstellungs, - Entscheidungs- oder Handlungsalternative.

Welche, denken Sie, sind die wichtigsten ethischen Werte im Bereich Digital Health?

Der Wert ist der materiale Gehalt einer Norm – „Du sollst nicht töten!“ enthält den Wert des menschlichen Lebens als materialen Gehalt. Im Bereich Digital Health geht es ethisch gesehen wesentlich um die Würde. Hieraus leitet sich vieles ab. Damit ist übrigens keineswegs eine irgendwie eurochristlich zentrierte Aussage getroffen, Geltung und Genese sind zwei verschiedene Sphären. Allerdings scheint mir das Sinnangebot der europäischen Kernwerte durchaus attraktiv, um in den globalen fairen offenen Diskurs einzusteigen. Man denke beispielsweise an Fragen der Abwägung von Privatheit und Gesundheit.

Ein wichtiges Thema bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens ist die elektronische Patientenakte (ePA). Welche ethischen Fragestellungen tun sich hierbei auf?

Hierbei geht es um Datenschutz und Datensicherheit im Kontext der präventions- und heilungsorientierten Konzepte (was mehr ist als Behandlung). Dies ist zunächst primär aus der Sicht von Patientinnen und Patienten zu betrachten, zugespitzt: Datenschutz vs. Datennutz. Zudem organisations- und professionsethische Fragen der Berufsgruppen, aber auch die Frage nach potenziellen legitimen Geschäftsmodellen (denn nicht die Ökonomie ist schlecht, nur was manche daraus machen). Aber auch auf der Makroebene gibt es Fragen der Effizienz, Effektivität, distributiven Gerechtigkeit und Qualität.

Das Gesundheitssystem besteht aus vielen Akteuren von Ärzten, Kliniken, Politik, Krankenkassen und anderen. Wen sehen Sie in besonderer Verantwortung?

Alle. Und zwar alle besonders. Denn im Rahmen des global final Use case des Digital Health Systems entscheidet sich die Kernfrage des 21. Jahrhunderts: Ob es uns gelingt, Digitalisierung und Nachhaltigkeit so gelingend zu verbinden, dass eine friedliche, naturangemessene und erfolgreiche Gesellschaft entsteht, die bleiben kann und soll.

Künstliche Intelligenz wird auch im Gesundheitsbereich als Schlüsseltechnologie der Zukunft angesehen. Gibt es moralische Grenzen?

Zunächst ja, wenn wir über eine noch schwache KI (Künstliche Intelligenz) sprechen, im Wesentlichen bzgl. ML (Machine Learning) und Mustererkennung aber auch insbesondere Entwicklungen in der Computerlinguistik und entscheidungsunterstützender Systeme. Hier ist der Mensch als moralischer Akteur infungibel, er soll nicht ersetzt werden, sondern muss im driver seat bleiben.

Aber nicht, wenn er locker mal vor die Wand fährt, indem er keine Assistenzsysteme nutzt, dass soll ebenfalls nicht sein. Das Mensch-Maschine-Verhältnis, was sich im Arzt-Patient-Maschine-Verhältnis besonders ausprägt, verschränkt gleich drei Autonomien nicht ganz ungefährlich miteinander.

Es ist penibel darauf zu achten, dass es nicht – was lange schon begonnen hat – gleichsam unter der Hand zu einer Autonomieerosion des Menschen selbst kommt: aus informationeller Selbstbestimmung würde eine informationelle Fremdbestimmung. Was starke KI angeht, die prinzipiell Kurt Gödel zum Trotz durchaus möglich erscheint – im Sinne eines eigenen Bewusstseinsstroms, eines Selbst, eines Modells von der Welt – kann nur von der Realisierung, so faszinierend jene auch sein mag, ethisch abgeraten werden.

Eine starke KI könnte uns gar rügen, sie erschaffen zu haben. Vielleicht haben wir uns aber schon lange in eine Position hineingebracht, die wir selbst nur noch mit Hilfe starker KI bewältigen können. KI kann viel und immer mehr. Humanzentriert genutzt und als Instrument ohne Hypothrophien ist gut. Mehr, gar viel mehr, nicht gut!

Sie lehren an der FOM-Hochschule das Fach Wirtschaftsethik und sind in der Universitätsmedizin Essen mit Themen wie digitaler Medizin und Ethik befasst. Worin sehen Sie Ihre Aufgabe?

Im gemeinschaftlichen Lernen. Im kritischen Diskurs. In Engagement für die Nutzung der historischen Chance, eine bessere Medizin zu ermöglichen, die legitim, legal und erfolgreich ist.

 Professor Doktor Stefan Heinemann, Wirtschaftsethik

Wenn Sie weitere Fragen haben, wenden Sie sich gerne über unsere App, oder unsere Social Media Seiten an uns!

Verfasst von Laura Siebertz

Laura Siebertz leitet die Presseabteilung von dermanostic und ist verantwortlich für die Fachredaktion der Rubrik Digital Health auf dem Unternehmensblog. Sie studierte Kultur- und Medienwissenschaften an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und beschäftigt sich vor allem mit den Themen Health-Apps, ethischen Aspekten der Digitalisierung, Nutzerakzeptanz und Patientensicherheit.